El Hierro

Die Jungfrau der Könige

 

Dort, wo es nichts gibt, da kann man auch nichts finden. Es sei denn, man begegnet einer Madonna und Don Marco, der sie jeden Tag wie seinen eigenen Augapfel behütet. Wenn man auf der Straße von El Pinar aus durch den Wald in Richtung La Sabinosa fährt, begegnet man niemandem. Kein Auto, kein Mensch, kein Tier. Ein Falke ist das einzige Lebewesen, welches mir begegnet. Das Klima ist lieblich aber auch hart, sollte man ohne Wasser liegen bleiben. Seit 1546 hat sich außer der schmalen und kurvenreichen Bergstraße nichts geändert. In diesem Jahr, und zwar am späten Nachmittag des 5. Januars, begann die Geschichte. Niemand hätte ihren Lauf voraussehen können. 

Ein Schiff von Aussiedlern kam vor dieser Küste auf dem Weg nach Amerika in eine Flaute. Die Wasser- und Essensvorräte wurden immer weniger. Zu wenig für die lange Reise über den Atlantik. Dies beobachteten ein paar Hirten, die sich mit ihren Herden bei der Muschelhöhle auf einer Höhe von ungefähr 600 Metern aufhielten. Hier gab es Grünzeugs für die Tiere und geschützte Schlafplätze für die Hirten. Sie halfen den Siedlern mit reichlich Fleisch und Käse, sodass sie ihre Reise mit genügend Nahrung an Bord fortsetzen konnten. 

Aus tiefer Dankbarkeit schenkten sie den Hirten eine Madonna, die von den Hirten in der Höhle aufbewahrt wurde. Sie vergaßen aber, die Siedler nach dem Namen der Madonna zu fragen. Und da sie die Jungfrau am heiligen Dreikönigstag erhielten, nannten sie die Madonna die Jungfrau der Könige. Und die Höhle wurde die Höhle der Jungfrau genannt, die von nun an die Patronin der Hirten war. Erst dreißig Jahre später wurde die kleine Kapelle fertig und am 25. April 1577 geweiht. Auch heute feiert man noch jedes Jahr an diesem Tage das Fest der Hirten.

Wegen einer lang anhaltenden Dürre im Jahre 1614 trugen die Hirten ihre Madonna über Nacht gegen den Willen der Autoritäten bis zur Kathedrale im 28 Kilometer entfernten Valverde, der Hauptstadt von El Hierro. Dem Priester ließen sie ausrichten, er solle eine Opfergabe vor der Tür der Kirche entgegennehmen. Die Geschichte erzählt: „Als das Bildnis der „geliebten Mutter“ in Valverde ankam, fing es kräftig an zu regnen.“ Zwei Jahre später brachte man die Madonna wieder nach Valverde. Aber dieses Mal, weil es zu viel regnete. Zu diesem Anlass wurde die Madonna während einer Messe zur Patronin der Insel erklärt und ein erstes Gelübde abgelegt. Von nun ab solle sie an jedem Dreikönigstag geehrt werden.

Erst 1741 wieder wurde das Bildnis über den Berg in die Hauptstadt gebracht. Jetzt war es wieder eine „lange Dürre“, die El Hierro heimsuchte. Nun legte man das zweite Gelübde ab, welches man den „Abstieg der Jungfrau der Könige“ nannte. Alle vier Jahre solle die Madonna vom Berg bis zur Hauptstadt absteigen. Auch wenn dafür kein besonderer Anlass, eine Dürre oder ein Unwetter, vorläge. Das Gelübde wurde zum ersten Mal im Jahre 1745 erfüllt. Dieses Gelübde wurde 1941 erneuert. Und während des Abstiegs 1953 setzte man der „Mutter Gottes“ eine goldene Krone auf.

Dieses Jahr, am 2. Juli, ist es wieder soweit. Um sieben Uhr in der Früh muss Don Marco seine Madonna an mehrere Priester und an eine große Schar Gläubiger abgeben. Der Weg ist lang und mühsam. Es wird sehr heiß sein. Deshalb wartet der Bischof hoch oben am Kreuz der Könige auf die ungewöhnliche Prozession. Hier dürfen alle drei Stunden Pause machen. Auch der kanarische Regierungschef und viele andere werden zu diesem Fest erwartet. Das Spektakel wird wie immer live im Fernsehen übertragen. Der Abstieg der Jungfrau gehört zu den bedeutendsten Festen der Kanaren. 

Normalerweise hat  Don Marco seine Ruhe. Er schließt morgens die Kirche auf und abends wieder ab. In einem kleinen Laden verkauft er den wenigen Pilgern Wasser oder kleine Andenken. Es gibt aber noch zwei oder drei kleine Schlafräume und eine kleine Küche, die denjenigen zur Verfügung gestellt werden, die der Jungfrau ein Gelübde abgelegt haben. Für eine gewisse Zeit verspricht man der Madonna zu beten und die vier klösterlichen Hofmauern nicht zu verlassen. „Das können ein paar Tage sein, aber auch ein Monat“, wie Don Marco erzählt. Wenn das Gelübde von einem der drei Oberdiener der Stiftung schriftlich bestätigt wird, händigt Don Marco dieser Person den Schlüssel aus. Sicher ein einzigartiges Erlebnis, welches man nie vergessen wird.

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